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Wird ein Patient ohne Hinweis auf die Nachbesserungsbedürftigkeit des Zahnersatzes entlassen, liegt darin ein grob behandlungsfehlerhaftes Verhalten

Mit Urteil vom 12.09.2014 (Az.: I-26 U 56/13, 26 U 56/13) stellte das Oberlandesgericht (OLG) Hamm mit einer neuen Entscheidung zum Zahnarzthaftungsrecht fest, dass abstehende Kronenränder einen Behandlungsfehler darstellen. Weist der behandelnde Zahnarzt den Patienten zudem nicht auf die Nachbesserungsbedürftigkeit des Zahnersatzes hin und entlässt ihn ohne entsprechenden ausdrücklichen Hinweis, liegt ein grober Behandlungsfehler vor, der einen Schmerzensgeldanspruch begründet.
Der beklagte Zahnarzt versorgte den klagenden Patienten mit einer Brücke im Oberkiefer. 12 Monate später suchte der Patient den Beklagten erneut auf und wies auf Beschwerden bezüglich der Brückenkonstruktion hin, die jedoch nicht behoben wurden. Weitere 6 Monate darauf beendete der Patient das Behandlungsverhältnis, nachdem als letzte Behandlungsmaßnahme Röntgenbilder erstellt wurden, und ließ durch einen anderen Zahnarzt einen neuen Zahnersatz fertigen. Folgend erhob der Patient Klage und machte Schmerzensgeldansprüche geltend. Das sachverständig beratene Landgericht gab der Klage statt. Die durch den Beklagten durchgeführte zahnprothetische Behandlung sei aufgrund überstehender Kronenränder fehlerhaft und eine weitere Möglichkeit zur Nachbesserung dem Kläger nicht zumutbar gewesen. Der Beklagte wurde zur Zahlung von 3.000 € Schmerzensgeld verurteilt. Gegen dieses Urteil legte der Beklagte Berufung ein.
Das OLG Hamm gab der Berufung teilweise statt. Zwar liege ein Behandlungsfehler vor, jedoch habe der Kläger lediglich einen Anspruch auf 1.000 € Schmerzensgeld.
Bereits im erstinstanzlichen Verfahren habe der medizinische Sachverständige ausgeführt, dass die Brückenkonstruktion mangelhaft gewesen sei. Die Stufe zwischen den natürlichen Zähnen und der Krone sei für den Zahnarzt bereits vor Eingliederung der prothetischen Versorgung erkennbar gewesen, sodass die vorgenommene Eingliederung einen Behandlungsfehler darstelle. Der Einwand des Beklagten, dem Sachverständigen habe nicht die Originalbrücke zur Beurteilung zur Verfügung gestanden, greife nicht, da die Kronenränder auf den Röntgenbildern klar erkennbar gewesen seien und eine zwischenzeitliche Veränderung technisch nicht möglich sei. Laut den Ausführungen des Sachverständigen seien die angeführten Beschwerden des Klägers auf diesen Fehler zurückzuführen. Zudem ist das Gericht zu der Auffassung gelangt, dass es ein grob fehlerhaftes Verhalten des Beklagten darstellte, den Patienten nicht ausdrücklich auf die Nachbesserungsbedürftigkeit des Zahnersatzes hinzuweisen. Zudem könne er sich nicht darauf berufen, ihm sei keine ausreichende Möglichkeit zur Nachbesserung gegeben worden, da der Kläger erst 12 Monate nach der Behandlung erneut vorstellig wurde. Laut den Ausführungen des Sachverständigen wäre eine Nachbesserung des Zahnersatzes zwar in Betracht gekommen, jedoch waren die überstehenden Kronenränder bereits bei Beginn der Behandlung erkennbar, sodass eine Eingliederung gar nicht erst hätte erfolgen dürfen. Darüber hinaus hätte der Beklagte den Kläger nach Abschluss der Behandlung über den Mangel in Kenntnis setzen und ihn alsbald zur Nachbesserung einbestellen müssen. Insoweit durfte sich der Beklagte nicht darauf verlassen, dass der Kläger ihn selbständig wieder aufsuchen werde.

10.03.2015
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