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Verwendung von Amalgam bei Zahnfüllungen ist grundsätzlich unbedenklich

Das OLG Hamm hat mit Urteil vom 04.03.2016 (Aktenzeichen: 26 U 16/159 entschieden, dass die Verwendung von Amalgam bei Zahnfüllungen grundsätzlich unbedenklich ist.

Die Klägerin Begehrte Schadensersatz aufgrund zahnärztlicher Behandlungsfehler von der beklagten Zahnärztin. Die im Jahre 1959 geborene Klägerin hatte bereits seit ihrer Kindheit diverse Amalgamfüllungen. In den Jahren 1987 bis 2009 wurde sie von der Beklagten behandelt. Im Jahr 1990 brachte die Beklagte in zwei Zähne der Klägerin weitere Amalgamfüllungen ein. Seit Mitte der 1990er Jahre ließ die Klägerin sodann von der Beklagten die Amalgamfüllungen sukzessive durch Kunststofffüllungen ersetzen. Letztmalig setzte die Beklagte der Klägerin im Jahr 2009 eine Amalgamfüllung ein.

Die Klägerin ließ sich in den folgenden Jahren von einem anderen Zahnarzt behandeln, welcher auf ihren Wunsch die verbliebenen Amalgamfüllungen entfernte.

Die Klägerin behauptet mehrere Behandlungsfehler seitens der Beklagten. So habe die Beklagte behandlungsfehlerhaft Amalgam und weitere Metalle, insbesondere Gold, zusammen verwendet. Auch sei das Vorliegen einer Amalgamallergie verkannt worden. Infolgedessen hätten zwei Zähne extrahiert werden müssen. Weiter habe sie eine Vielzahl von Beschwerden erlitten, die auf die fehlerhafte Behandlung zurückzuführen seien.

Das OLG Hamm wies die Berufung der Klägerin gegen das abweisende erstinstanzliche Urteil des Landgericht Detmold als unbegründet zurück, da nicht festzustellen sei, dass der Beklagten Behandlungsfehler unterlaufen seien.

Nach gutachterlicher Feststellung des gerichtlichen Sachverständigen sei die Verwendung von Amalgam als Füllung grundsätzlich unbedenklich. Es entspreche gesicherter zahnmedizinischer Erkenntnisse, dass eine Gefährdung durch die Verwendung von Amalgam ausgeschlossen sei. Die Oberfläche von Silberamalgamen werde bei dem Kontakt mit Speichel mit einem Niederschlag überzogen, der weitere elektrochemische Reaktionen verhindere.

Auch der Verbleib von Amalgamresten bei dem Aufbau von neuen Goldkronen sei unbedenklich, da durch den zur Befestigung der Krone notwendigen Zement eine Isolierung bestehe, so dass direkter Kontakt zum Gold nicht existiere. Eine chemische Wechselwirkung könne sich nicht zeigen.

Die Verwendung von Gold in einem Kieferbereich und die Verwendung von Amalgam bei dem entsprechenden Antagonisten im anderen Kieferbereich sei ebenfalls nicht zu beanstanden, da insoweit lediglich eine geringe Wahrscheinlichkeit einer Reaktion bestehe, welche sich ohnehin allenfalls wenige Stunden nach dem Einbringen des Amalgam ereignen würde. Eine solche Reaktion sei indes bereits nicht belegt.

Auch habe die Beklagte nicht fehlerhaft das Bestehen einer Allergie der Klägerin verkannt, da keine Allergie vorliege. Gegen eine Allergie der Klägerin spreche bereits der Zeitablauf, da die Klägerin Beschwerden erst ab Dezember 2001 benannt habe. Eine Allergie bedingte Beeinträchtigung habe indes bereits in engem Zusammenhang mit der Ersteinbringung von Amalgam im Jahre 1987 auswirken müssen. Der Sachverständige habe daher eine Allergie einerseits ausgeschlossen, weil es an den notwendigen Symptomen gefehlt habe. Ferner hätten solche Symptome zeitnah auftreten müssen, im Falle der Klägerin bereits in deren Kindheit.

Es habe auch ansonsten kein Zusammenhang zwischen den umfassenden Beschwerdeschilderungen der Klägerin und einer Belastung mit Amalgam festgestellt werden können.

Die Klägerin habe auch wirksam in die Heilbehandlung eingewilligt. Eine Risikoaufklärung hinsichtlich der Verwendung des Amalgams allein oder mit anderen Materialien zusammen, habe nicht stattfinden müssen.

Da es an einer Wechselwirkung fehle, könne kein erhöhtes Risikopotential erkannt werden, über welches eine Aufklärung hätte erfolgen müssen.

Die Beklagte habe auch nicht über anderweitige Füllmaterialien aufklären müssen. Nach der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs sei die Wahl der Behandlungsmethode primär die Sache des behandelnden Arztes. Nur soweit mehrere medizinisch gleichermaßen indizierte und übliche Behandlungsmethoden vorhandene seien, welche wesentlich unterschiedliche Risiken und Erfolgschancen aufweisen, bestehe ein echtes Wahlrecht seitens des Patienten. Nur dann habe eine entsprechende Aufklärung zu erfolgen. Da jedoch – nach gutachterlicher Feststellung – die Verwendung von Amalgam zu keiner Schädigung führen hätte können und vorliegend auch nicht geführt habe, könne sich eine Haftung der Beklagten nicht ergeben.   

28.07.2016
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RA Jens-Peter Jahn
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