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Aufklärung im Zusammenhang mit der Durchführung einer Wurzelkanalbehandlung

Das OLG Koblenz hat mit Urteil vom 23.09.2015 (Aktenzeichen: 5 U 603/15) entschieden, dass ein Zahnarzt vor einer Zahnextraktion über die Möglichkeit einer Wurzelkanalbehandlung aufzuklären hat.

Demgegenüber hat vor einer Wurzelkanalbehandlung in der Regel eine Aufklärung über eine Zahnextraktion oder Hemisektion als alternative Behandlungsmöglichkeit nicht zwingend zu erfolgen.

Der klagende Patient verlangte materiellen und immateriellen Schadensersatz sowie Feststellung der Einstandspflicht für zukünftige Schäden infolge fehlerhafter zahnärztlicher Behandlung bzw. unzureichender Aufklärung vor einer zahnärztlichen Behandlung.

Der Kläger ließ in mehreren Sitzungen vom beklagten Zahnarzt eine Wurzelkanalbehandlung an einem Zahn durchführen. Im weiteren Verlauf ließ er diesen Zahn durch einen anderen Zahnarzt extrahieren. Der Kläger behauptete erstinstanzlich, bereits in der ersten Behandlungssitzung sei dem Beklagten ein Teil des Wurzelinstrumentes abgebrochen. Dies habe erhebliche Schmerzen verursacht. Die Beschwerden seien in der Folge nur unzureichend behandelt worden. Insbesondere sei eine bildgebende Diagnostik unterblieben. Die Behandlung habe daher insgesamt nicht dem zahnärztlichen Standard entsprochen.

Der Zahn habe aufgrund der fehlerhaften Behandlung des Beklagten extrahiert werden müssen. Über diese mögliche Folge – wie auch eine Extraktion als Behandlungsalternative – sei er indes vor der Wurzelkanalbehandlung nicht aufgeklärt worden.

Das OLG Koblenz wies die Berufung des Klägers gegen das abweisende erstinstanzliche Urteil des Landgericht Mainz als unbegründet zurück.

Es stellte fest, dass die Behandlung durch den Beklagten insgesamt behandlungsfehlerfrei gewesen sei. Der Behandlungsablauf sei ordnungsgemäß gewesen. Nach gutachterlicher Feststellung habe das im Wurzelkanal verbliebene Instrument keine Schmerzen bei dem Kläger verursachen können.

Der Beklagte habe den Kläger zudem ordnungsgemäß sowohl hinsichtlich des Eingriffes selbst als auch über mögliche Risikofolgen aufgeklärt. Entsprechend der Rechtsprechung des Bundesgerichtshofs (BGH) stellt das Gericht fest, dass eine wirksame Einwilligung des Patienten in die Heilbehandlung eine ordnungsgemäße Aufklärung voraussetze. Dabei dürften jedoch an den beweisbelasteten Arzt keine unbilligen und übertriebenen Anforderungen gestellt werden. Soweit einiger Beweis für ein gewissenhaftes Aufklärungsgespräch erbracht worden sei, solle dem Arzt im Zweifel geglaubt werden, dass die Aufklärung auch im Einzelfall in der gebotenen Weise geschehen sei.

So liege es im zu entscheidenden Fall. Der Beklagte habe ausweislich der Behandlungsdokumentation „über Nachteile“ aufgeklärt. Dieser Dokumentationsnachweis spreche für ein ordnungsgemäßes Aufklärungsgespräch, welches zur Grundlage einer wirksamen Einwilligung gemacht werden könne. Die Aufklärung habe auch das Risiko eines Misserfolgs der Wurzelkanalbehandlung sowie den Abbruch eines Teiles des Behandlungsinstrumentes umfasst.

Das OLG stellte ferner fest, dass der Wirksamkeit der Einwilligung nicht entgegenstehe, dass der Kläger unter dem Einfluss des Schmerzmittels Tramal gestanden habe. Es hätten tatsächliche Umstande vorliegen müssen, etwa Verständnisschwierigkeiten seitens des Klägers, die für den Beklagten die Annahme begründet hätten, dass der Kläger nicht in der Lage gewesen sei, eine wirksame Einwilligung abzugeben. Solche Umstände seien jedoch weder ersichtlich noch vom Kläger vorgetragen worden.

Eine Aufklärung über die Möglichkeit einer Zahnextraktion oder Hemisektion sei nicht geboten gewesen. Eine Verpflichtung zur Aufklärung bestehe lediglich dann, wenn für eine medizinisch sinnvolle und indizierte Therapie mehrere Behandlungsalternativen zur Verfügung stehen, welche zu unterschiedlichen Belastungen für den Patienten führten oder unterschiedliche Risiken und/oder Erfolgsaussichten böten. Die Extraktion eines Zahnes stelle jedoch gegenüber der auf Wurzelkanalbehandlung keine Alternative im oben genannten Sinne dar, weil letzte auf die Erhaltung des Zahnes gerichtet sei. Sie solle die Extraktion demnach gerade vermeiden. Auch eine Hemisektion – also die Entfernung der erkrankten Zahnwurzel und eines Teils der Zahnkrone – stelle als Teilextraktion keine Behandlungsalternative dar.

Eine Aufklärungspflicht bestehe nur dann, wenn die Prognose für den Erfolg der Wurzelkanalbehandlung schlecht ist und mit einer Zahnerhaltung nicht in belastbarer Weise zu rechnen sei.
Anderseits betont das OLG in diesem Zusammenhang, dass vor der Zahnextraktion eine Aufklärung über die alternative Möglichkeit der Wurzelkanalbehandlung zu erfolgen habe, soweit dies für den Patienten bei gleicher Wirksamkeit weniger belastend und/oder risikoärmer sei.

28.07.2016
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RA Jens-Peter Jahn
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