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Zu intensives Slicen von Milchzähnen kann groben Behandlungsfehler darstellen

Mit Urteil vom 04.07.2017 entschied das Oberlandesgericht (OLG) Hamm (Az.: 26 U 3/17, I-26 U 3/17), dass es als grober Behandlungsfehler zu bewerten ist, wenn beim Slicen von Milchzähnen zu viel Zahnschmelz abgetragen wird und dadurch eine ungleichmäßige Oberfläche entsteht.

Die Klägerin befand sich in kieferorthopädischer Behandlung in der Gemeinschaftspraxis der Beklagten zu 2) und 3), wobei die Behandlung durch den Beklagten zu 1) erfolgte. Bei der Patientin waren mehrere bleibende Zähne nicht angelegt, verblieben sind außerdem drei Milchzähne. Ausweislich des Behandlungsplans sollten aufgrund der Nichtanlagen nach einer späteren Extraktion der Milchzähne diese durch eine in näherer Zukunft noch nicht geplante implantologische Versorgung ersetzt werden, wobei die Milchzähne jedoch so lange wie möglich erhalten bleiben sollten. Der Beklagte zu 1) nahm schließlich eine Reduktion der Milchzähne der Klägerin vor.

Der Klägerin steht gegen die Beklagten ein Anspruch auf Zahlung von Schmerzensgeld und vorgerichtlicher Rechtsanwaltskosten sowie die Feststellung zukünftiger Ersatzpflicht zu, urteilte das OLG Hamm. Die konkrete Behandlung der Klägerin sei sowohl hinsichtlich der Qualität als auch hinsichtlich der Quantität als behandlungsfehlerhaft anzusehen. Bei der Bewertung des Sachverhalts sei insbesondere der Umstand zu berücksichtigen gewesen, dass Milchzähne wesentlich empfindlicher als bleibende Zähne seien und sie eine erheblich dünnere Schmelzschicht aufweisen würden, weshalb es beim Beschleifen zu deutlich größeren Beeinträchtigungen kommen könne.

Das Behandlungsergebnis, bei dem als Folge des Slicens eine ungleichmäßige Oberfläche entstanden und zu viel Material abgetragen worden ist, ist nach Auffassung des OLG Hamm, das sich den diesbezüglichen Ausführungen der gerichtlichen Sachverständigen anschloss, insgesamt als grob behandlungsfehlerhaft anzusehen. Es komme daher nicht mehr darauf an, ob die Klägerin über die Risiken des Slicens, insbesondere Dentinwunden und Temperaturempfindlichkeiten, in der erforderlichen Form aufgeklärt worden sei.

Hinsichtlich der Höhe des vom erstinstanzlich zuständigen Landgerichts Detmold festgesetzten Schmerzensgeldes führte das OLG Hamm aus, dass die Klägerin Schmerzen an ihren Milchzähnen erlitten und zumindest bis zur Urteilsverkündung unter anhaltenden Beschwerden durch die nach der Behandlung aufgetretenen Temperaturempfindlichkeit der Zähne gelitten habe.

Angesichts der aus dem groben Behandlungsfehler folgenden Beweislastumkehr sei den Beklagten auch zuzurechnen, dass an zwei der beschliffenen Milchzähne bereits kurze Zeit nach der Behandlung Karies aufgetreten sei. Gleiches gelte für den Umstand, dass das zu intensive Beschleifen der Milchzähne die Langzeitprognose dieser verschlechtert habe.

Da die weiteren gesundheitlichen Folgen der grob fehlerhaften Behandlung durch die Beklagten nicht absehbar seien, hat das OLG Hamm auch dem Feststellungsantrag der Klägerin stattgegeben.
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RA Jens-Peter Jahn
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