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Diagnosefehler bei der zahnärztlichen Behandlung

In seinem Beschluss vom 04.10.2011 (Az: 5 U 1078/11) kommt das OLG Koblenz zu dem Ergebnis, dass es sich bei der fehlerhaften Zuordnung der vom Patienten geschilderten Schmerzen zu einem generalisierten Scherzsyndrom anstatt zu einem kariösen Defekt eines bestimmten Zahnes um einen rechtlich nicht vorwerfbaren Diagnoseirrtum handelt, wenn (wie vorliegend) die Diagnose ohne weiteres vertretbar war.
Allgemein
Ein Diagnoseirrtum liegt vor, wenn der Arzt die vorliegenden Befunde objektiv fehlinterpretiert und aufgrund dessen ein falscher Therapieweg eingeschlagen wird. Ein Befunderhebungsfehler liegt hingegen vor, wenn der Arzt trotz medizinischer Indikation das Erheben entsprechender Befunde unterlässt. Auswirkung erfährt die Abgrenzung zwischen den unterschiedlichen „Fehlern“ bei der Frage nach der Beweislast.
Sachverhalt
Die Klägerin war bei der beklagten Zahnärztin seit geraumer Zeit aufgrund einer Dysgnathie bzw. einer Myoarthropathie in Behandlung. Daneben litt sie unter einer chronischen Schmerzerkrankung mit ungeklärter Krankheitsursache und Krankheitsentstehung. Die Beklagte führte aufgrund des Fehlbisses eine Schienentherapie durch. Im Rahmen der hierfür notwendigen Kontrolltermine gibt die Klägerin an, Ende 2007 über Schmerzen im linken Oberkiefer geklagt zu haben. Die Beklagte bestreitet dies; in der Dokumentation finden sich keine Anhaltspunkte für das klägerische Vorbringen. Im März 2008 förderte eine Untersuchung des linken Oberkiefers zu Tage, dass ein kariöser Defekt an dem wurzelgefüllten, überkronten Zahn 26 vorlag, weshalb dieser extrahiert werden musste. Nach Ansicht der Klägerin, hätte die Beklagte frühzeitig (d.h. Ende 2007) eine Röntgenaufnahme des linken Oberkiefers anfertigen müssen und es nicht bei einer Sondierung der Zahnfleischtaschen belassen dürfen (die i.Ü. keine pathologischen Befunde lieferte). Dadurch hätte der Zahn 26 gerettet und die entstandenen negativen Auswirkungen auf die Behandlung der Fehlstellung des Gebisses verhindert werden können. Die Klägerin beantragte daher, die Beklagte zur Zahlung eines Schmerzensgelds in Höhe von 30.000 € sowie Ersatz der nutzlosen Aufwendungen für die Fehlbissbehandlung in der Zeit vor dem Zahnverlust in Höhe von rund 8.000 € zu verurteilen.
Das LG Koblenz (Urteil vom 30. August 2011, Az: 10 O 312/09) wies die Klage nach Einholung eines Sachverständigengutachtens ab. Nach Aussage des Gutachtens, könne die mangelnde Entdeckung des Kariesbefalls des Zahns 26 der Beklagten nicht angelastet werden. Ferner sei die kariöse Zerstörung weitgehend schmerzfrei verlaufen und eine Verschlechterung der Dysgnathie infolge der Entfernung des Zahns 26 ausgeschlossen. Der Sachverständige kam des Weiteren zu dem Ergebnis, dass es vertretbar gewesen sei, die Beschwerden der Klägerin ihrem chronischen Schmerzsyndrom zuzuordnen und aufgrund dessen zusätzliche diagnostische Maßnahmen zu unterlassen.
Hiergegen wendet sich die Klägerin mittels ihrer eingelegten Berufung und bittet um die Einholung eines neuen Sachverständigengutachtens. Das OLG Koblenz kommt in seinem Beschluss zu folgendem Ergebnis:
Beschluss des OLG Koblenz vom 04.10.2011 (Az: 5 U 1078/11)
Die Berufung der Klägerin sei zurückzuweisen. Der Klägerin könne nicht angelastet werden, den Kariesbefall des Zahns 26 im Jahr 2007 nicht erkannt zu haben. Der vom Landgericht Koblenz herangezogene Sachverständige habe das klägerische Vorbringen (wie oben erläutert) schlüssig widerlegt. Der Beklagten könne daher ein schuldhaftes zahnärztliches Fehlverhalten nicht vorgeworfen werden. Auf Grundlage dessen bliebe eine weitere Abklärung der Situation versperrt. Bei der Fehlinterpretation der Schmerzen habe es sich um einen rechtlich nicht vorwerfbaren Diagnoseirrtum gehandelt. Auch ein haftungsbegründender Befundungsfehler könne aus dieser Perspektive nicht festgestellt werden. Des Weiteren bestehe durch die schlüssige und nachvollziehbare Aussage des Sachverständigen auch kein Anspruch auf Einholung eines weiteren Gutachtens.

12.04.2012
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