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Anforderungen an die Risikoaufklärung beim Einsatz von Veneers

Der Einsatz sogenannten Veneers (Keramikverblendungen im Frontzahnbereich) zu medizinischen oder kosmetischen Zwecken ist mit vorhergehenden Einschleifmaßnahmen verbunden. Dieser notwendige Vorgang kann unter Umständen erhebliche Folgeerscheinungen mit sich bringen.

Vor der Behandlung mit dem Einsatz von Veneers hat der behandelnde Zahnarzt über das mit den notwendigen Einschleifmaßnahmen verbundene Risiko einer chronischen Pulpitis jedenfalls dann aufzuklären, wenn die Behandlung nicht nur aus medizinischen, sondern auch aus kosmetischen Gründen erfolgt. Dies hat das Oberlandesgericht (OLG) Hamm in seinem Urteil vom 30.05.2012 (Az.: I-3 U 205/10, 3 U 205/10) entschieden und damit der Berufung der Klägerin stattgegeben.

Diese hatte wegen fehlerhafter Behandlung und Aufklärung gegen ihren behandelnden Zahnarzt geklagt. Sie trug vor, dieser habe vor dem Anbringen der Veneers ihre Oberkieferfrontzähne zu weit abgeschliffen und sie insofern fehlerhaft aufgeklärt, als er das Risiko der bei ihr eingetretenen Pulpitis nicht thematisiert habe. Der Beklagte trug dagegen vor, die Zähne seien nicht zu weit abgeschliffen worden und die Aufklärung sei ordnungsgemäß erfolgt, weil er die Klägerin über Kunststoff-Alternativen, die grundsätzliche Notwendigkeit des Einschleifens sowie über das Risiko übersensibler und auch entzündlicher Reaktionen aufgeklärt aufgeklärt habe.

Mit der vorliegenden Entscheidung hob das OLG Hamm das abweisende erstinstanzliche Urteil des Landgerichts (LG) Essen (Urteil vom 22.09.2010, Az.: Az.: 1 O 89/10) teilweise auf und gab dem Anspruch der Klägerin auf Schmerzensgeld statt. Dabei bestätigte das OLG die Ansicht des LG, dass kein Behandlungsfehler vorliege, bejahte aber unter Abstellen auf die vom Bundesgerichtshof (BGH) entwickelten Kriterien für die Risikoaufklärung (vgl. Urteil vom 15.02.2000, Az.: VI ZR 48/99) die fehlerhafte Aufklärung. Nach dem BGH ist auch über seltene Risiken aufzuklären, wenn diese bei ihrer Verwirklichung die Lebensführung schwer belasten und trotz ihrer Seltenheit spezifisch für den Eingriff und für den Laien überraschend sind.

Entgegen dem LG war das OLG der Ansicht, das Risiko einer Pulpitis sei bei der vorliegenden Schleiftiefe zwar eher selten, aber dennoch spezifisch und typisch. Da es damit keine absolute Rarität darstellte, wäre das Risiko für die Entscheidung der Klägerin zur Durchführung der Behandlung nicht ohne jede Bedeutung gewesen.
Ohnehin waren im Einklang mit dem BGH (vgl. Urteil vom 06.11.1990, VI ZR 8/90) im vorliegenden Fall auch deshalb erhöhte Anforderungen an die Risikoaufklärung zu stellen, weil das Einsetzen der Veneers hier einen überwiegend kosmetischen Charakter hatte.

Obwohl die Entstehung des Schadens nicht auf einem Verschulden des Arztes beruhte, sondern sich nur ein eher seltenes Risiko verwirklicht hat, ist er der Klägerin aufgrund der insoweit nicht ausreichenden Aufklärung zum Schadensersatz verpflichtet.

05.07.2012
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